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Mi., 08. September 2010
Bundesliga
"Keiner trainiert so innovativ wie wir"

Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht Eugen Polanski über die Fankultur von Mainz, das schwierige zweite Jahr in der Bundesliga, den großen Zusammenhalt in der Mannschaft und seine Zukunft in der Nationalmannschaft.


Frage:
Herr Polanski, Sie sind seit gut einem Jahr in Mainz. Was unterscheidet den Verein von anderen "Mittelklasseklubs" in der Bundesliga?

Eugen Polanski:
Gegenfrage: Warum sehen Sie Mainz als Mittelklasseklub?

Frage:
Vergleicht man beispielweise den Etat, Fanvolumen und Saisonziel mit anderen Bundesliga-Vereinen, dann reicht Mainz noch nicht an die Topklubs heran.

Polanski:
Natürlich haben wir nicht den allerhöchsten Etat. Und es mag auch sein, dass unsere Spieler nicht die größten Namen und wir viele junge Talente dabei haben. Was Mainz aber von vielen anderen Klubs unterscheidet, ist das Umfeld. Die Vereinsführung fährt einen klaren Kurs und legt viel Wert auf kontinuierliche Entwicklung. Zudem ist die Presselandschaft weniger aggressiv als etwa in München, Hamburg oder Köln. Somit lastet auf uns weniger Druck von außen. Das ist beruhigend und vor allem für die Entwicklung der jungen Spieler förderlich.

Frage:
Einzigartig ist wohl auch die Mainzer Fankultur.

Polanski:
Absolut. Seitdem ich hier bin, haben sie uns erst einmal ausgepfiffen. Das habe ich bisher auch noch nie erlebt. Die Stimmung bei unseren Heimspielen ist gigantisch, wenn man bedenkt, dass nur rund 20.000 Zuschauer in unser Stadion passen. Dafür macht bei uns auch mal die Haupttribüne Stimmung. Was ich auch auffallend finde: Sogar die Gäste-Fans und -Spieler werden relativ herzlich begrüßt.

Frage:
Die Fans hatten in der letzten Saison oftmals Grund zum Feiern. Mit Platz neun als Aufsteiger konnten sie mehr als zufrieden sein. Kann das Team das Ergebnis noch toppen oder war das schon die optimale Ausbeute?

Polanski:
Toppen kann man das sicherlich. In den ersten beiden Spielen haben wir gezeigt, dass wir das schaffen wollen und auch dazu imstande sind. Wichtiger als der Tabellenplatz am Saisonende ist für uns aber vielmehr die Weiterentwicklung der Spielfähigkeit des Einzelnen und damit auch der kompletten Mannschaft.

Frage:
Aber dennoch muss es doch ihr Ziel sein, besser als in der vergangenen Saison abzuschneiden.

Polanski:
Das ist es auch. Doch auch nach den beiden wird die Saison kein Selbstläufer. Wir müssen weiterhin hart an uns arbeiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Dennoch: An erster Stelle steht die schrittweise Stabilisierung, und dass wir uns weiterhin in der Bundesliga etablieren.

Frage:
Vor Saisonbeginn haben viele Experten Mainz als Abstiegskandidaten genannt und für den Verein das berüchtigte "schwierige zweite Jahr" prognostiziert. Wie gehen Sie mit dieser pessimistischen Grundhaltung um?

Polanski:
Es mag sein, dass uns die Gegner nach der guten letzten Saison etwas ernster nehmen und nicht mehr so leicht unterschätzen. Aber ich denke nicht, dass das zweite Jahr für uns schwieriger wird als das erste. Denn wir wissen nun, dass wir in der Liga bestehen und mit fast allen anderen Teams mithalten können. Unser Selbstbewusstsein ist deutlich höher als noch vor einem Jahr.

Frage:
Das enorme Selbstbewusstsein hat Mainz beim Spiel in Wolfsburg eindrucksvoll unter Beweis gestellt: 4:3-Sieg nach 0:3-Rückstand. Trainer Thomas Tuchel sagte, dass er auch nach dem 0:3 noch an den Sieg geglaubt habe. Wie sah es zu diesem Zeitpunkt bei Ihnen aus?

Polanski:
Ganz ehrlich: Mein erster Gedanke nach dem dritten Tor war, dass wir nun aufpassen müssen, dass wir nicht fünf, sechs Dinger bekommen. Aber wir haben Ruhe bewahrt und versucht, wieder ins Spiel hineinzufinden. Der Knackpunkt war sicherlich das Anschlusstor vor der Halbzeit. In der Kabine haben wir dann gemerkt, dass der Trainer trotz des Rückstandes zufrieden war und wir mit unserer Spielweise gar nicht so falsch lagen.

Frage:
Welche Auswirkung hatte die erfolgreiche Aufholjagd auf das Selbstvertrauen im Team?

Polanski:
Natürlich hat uns der Sieg zusätzlich gepusht, weil keiner mehr an uns geglaubt hatte und wir dennoch Moral gezeigt haben. Aber der Charakter der Mannschaft hat sich nicht erst in diesem Spiel gebildet, sondern schon vorher.

Frage:
Mainz ist ohnehin für seinen enormen Teamgeist bekannt. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Gibt es bestimmte Teambuilding-Maßnahmen?

Polanski:
Solche Maßnahmen werden wohl in jeder Mannschaft in der Vorbereitung durchgeführt. Aber der Zusammenhalt innerhalb einer Truppe entsteht nicht in erster Linie durch Kanufahren oder Überlebenscamps, sondern er entwickelt sich im Laufe der Zeit. In jedem Training, bei jedem Spiel und bei gemeinsamen Freizeit-Aktivitäten.

Frage:
Wie sehen solche Freizeit-Aktivitäten aus?

Polanski:
Wir treffen uns eben auch privat, gehen zusammen essen oder ins Kino. Dass wir uns untereinander so gut verstehen, ist die Basis für unseren Erfolg. Wenn wir auf dem Platz stehen, kommt es mir manchmal so vor, als würden sich Kindergarten-Kinder treffen, um zusammen zu spielen und Spaß zu haben.

Frage:
Sie selbst haben sich im April dagegen entschieden, für Polens Nationalmannschaft zu spielen. Die Tür sei aber weiterhin offen. Wie ist der aktuelle Stand?

Polanski:
Es ist richtig, dass mich Nationaltrainer Franciszek Smuda jederzeit in Polens Nationalteam begrüßen würde. Aber meine Entscheidung steht.

Frage:
Wie kam sie zustande?

Polanski:
Dass sich eine Nationalmannschaft für mich interessiert, ist eine große Ehre für mich. Dafür habe ich mich auch bedankt. Ich weiß, dass ich bei Polen spielen würde und in zwei Jahren eine EM-Teilnahme sicher hätte. Aber mir war es zu einfach zu sagen 'Jetzt bin ich Nationalspieler'. Ich mag die Herausforderung. Außerdem lebe ich schon lange in Deutschland und habe einige Länderspiele für die deutschen Junioren-Nationalmannschaften absolviert.

Frage:
Zurück zum FSV: Sie haben einmal gesagt, dass man fast schon Abitur haben müsste, um bei Tuchels Trainingsübungen mitzukommen. Was genau haben Sie damit gemeint?

Polanski:
Ich habe gesagt, dass man bei manchen Übungen fast schon studiert haben müsste, um sie beim ersten Mal richtig zu machen. Das war gar nicht negativ gemeint. Damit will ich einfach nur sagen, dass der Trainer sehr viele neue Trainingsformen installiert hat, die ich so bis jetzt noch nicht gekannt habe. Ich behaupte, dass von 18 Bundesliga-Teams keine drei derart innovativ trainieren wie wir. Aber genau diese Übungsformen bringen uns nach vorne, weil sie im Wettkampf selbst immer wieder auftauchen.

Frage:
Die Neuzugänge Sami Allagui, Morten Rasmussen und Lewis Holtby haben sofort Fuß gefasst und sich bisher gut präsentiert. Wie haben Sie Tuchels Prinzipien so schnell verinnerlicht?

Polanski:
Ich denke nicht, dass Morten und Sami schon alle taktischen Konzepte verstehen und umsetzen können. Dazu sind sie einfach zu spät zur Mannschaft gestoßen. Das dauert noch ein paar Wochen. Allerdings verfügen sie über eine sehr gute Spielintelligenz und hatten deshalb auch keine großen Eingewöhnungs-Probleme. Lewis dagegen hat die komplette Vorbereitung mittrainiert. Bei ihm funktionieren die Automatismen schon sehr gut.

Frage:
Am kommenden Sonntag ist Kaiserslautern zu Gast im Bruchwegstadion. Erster gegen Dritter, dazu Derbystimmung. Das wird sicherlich ein heißer Tanz.

Polanski:
Sicherlich wird der FCK hoch motiviert und nach seinen beiden Auftaktsiegen mit großem Selbstvertrauen zu uns kommen. Aber das haben wir auch. Und egal gegen wen wir spielen: zuhause wollen wir siegen. Die drei Punkte sind also eingeplant.

Frage:
Gegen Stuttgart und Wolfsburg war ein Dreier dagegen wohl nicht unbedingt eingeplant. Mit dem Sieg gegen Kaiserslautern stünden sie nach drei Spieltagen mit neun Punkten da. Wo geht es mit Mainz in dieser Saison noch hin?

Polanski:
Zunächst mal muss ich Sie berichtigen. Gegen den VfB waren die Punkte sehr wohl eingeplant. Okay, in Wolfsburg wären wir auch mit einem Unentschieden zufrieden gewesen. Nun sind es zwei Punkte mehr. Generell lässt sich nach zwei oder drei Spielen aber noch nicht ableiten, wo wir am Ende der Saison stehen. Mir persönlich wäre es sehr recht, wenn wir die Leistung und das Ergebnis der vergangenen Saison bestätigen können und das Team in jedem Spiel als kompakte Einheit auftritt, so dass sich jeder einzelne von uns weiter entwickelt.


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